Eine typographische Geschichte aus dem Leben

Wenn es nicht so traurig wäre, es wäre zum Lachen.
Neulich begegnete mir ein junger Mann mit kurzgeschorenen Haaren, der einen sehr militärischen Habitus hatte. Er trug keine Uniform, sondern eine Bundjacke, eine schwarze Hose und Halbstiefel. Als ich mich nach ihm umwandte, hatte er auf der Jacke eine Schrift, wegen der ich ihm am liebsten das Tragen dieser Jacke untersagt hätte. Im nächsten Moment aber huschte ein Lächeln über mein Gesicht.
Was mich erheiterte, war der Gedanke, dass die Schrift, in der der Text auf der Jacke geschrieben war, so gar nicht zu dem passte, was der Inhalt der Aufschrift war.
Der Text, der die Gesinnung dieses jungen Mannes klar zum Ausdruck brachte, war in einer Fraktur gesetzt. Und das wiederum war mir  ein Grund zum Lächeln. Die Ursache dafür liegt viele Jahre zurück und heißt vollmundig ›Schrifterlass‹ oder gar ›Führerschrifterlass‹.

Der Hintergrund ist schnell erzählt.
Die Nationalsozialisten propagierten die Fraktur zunächst als die urdeutscheste aller Schriften. Die wurde auch als „Gotik“ bezeichnet und den jüdischen Verlagen war es in jener Zeit sogar verboten, diese Schrift zu verwenden.
Als nach etlichen Jahren in den höchsten Parteikreisen bekannt wurde, dass die verwendete »urdeutsche« Fraktur von einem Juden entworfen worden war, durften die deutschen Verlage ab 1941 die bis dahin verwendete Fraktur-Schrift nicht mehr verwenden. Sie wurde als »jüdische Lettern« bezeichnet und sollte schnellstmöglich aus dem Schriftbild verschwinden.
Mit Führer-Erlass wurde die Antiqua als »deutsche Normalschrift« in der Öffentlichkeit und in den Schulen eingeführt. Damit war auch die große Zeit der Sütterlinschrift vorbei.
Dass dieser Erlass ein Schnellschuss war, beweist schon der Briefkopf, der noch die Fraktur führt.

Zeitdokument: Schrifterlass vom 3. Januar 1941 Quelle: www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de
Zeitdokument: Schrifterlass vom 3. Januar 1941
Quelle: www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de

Wenn Du jetzt noch einmal an diesen jungen Mann denkst, musst Du auch schmunzeln, stimmt’s?
Achte deshalb bitte immer darauf, dass die gewählte Schriftart stets auch zum Inhalt der Aussage passt!

Verwendung der Frakturschrift im Zusammenhang mit der Selbstdarstellung des 3. Reichs
Quelle: www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de
Bezug: Artikel von Wolf Stegemann, publiziert am 28. Mai 2012

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Layout und Satz in der Produktion gedruckter Bücher

Hier ist er nun endlich, der erste Artikel des Autorenflüsterers.
Natürlich gilt alles hier Gesagte ebenso wie für selbstpublizierende Autorinnen und Autoren auch für alle unabhängigen Verlage. Wir alle sitzen im selben Boot und sollten die Chancen, die sich uns eröffnen, bewusster zu unseren Gunsten nutzen.
Das ist der tiefere Gedanke hinter dieser Seite.

In meinem ersten Artikel soll es vorwiegend um das Layout von Büchern und deren Satz gehen. Gerade hier lassen die so genannten »großen« Verlage mehr und mehr nach. Über die Gründe zu philosophieren überlasse ich gern anderen. Mir geht es vielmehr darum, dass wir unabhängigen Autorinnen, Autoren und Verlage diese unsere Chance erkennen und nutzen.

Ich selbst bin sehr früh mit Büchern in Berührung gekommen. Schon als Kind durfte ich oft in einer Buchhandlung sein. Diese Buchhandlung wurde während meiner gesamten Schulzeit mein Tempel des Wissens und der schönen Bücher. Ja, ich bin bekennender Leser und Buchliebhaber. Besonders schöne Bücher haben es mir angetan. Und wie mir ergeht es vielen anderen Leserinnen und Lesern.
Schöne Bücher zu produzieren sollte also das Gebot für all jene sein, die Bücher herausgeben. Doch was in der letzten Zeit in die Buchhandlungen kommt, hat die Bezeichnung schön oft leider nicht mehr verdient.
Selbstredend gibt es nach wie vor wunderschöne Bücher, darüber brauchen wir uns gar nicht auszutauschen. Aber ihre Zahl nimmt im erschreckenden Maße ab.
Andererseits ist das Wissen unter den Selbstpublishern und den Verlegern kleiner Verlage darüber sehr gering, was neben einer guten Story gute Bücher noch ausmacht. Das ist durchaus kein Makel, denn wie viele kleine und mittelgroße Verlage werden nebenbei, also praktisch als »Hobby« betrieben. Und oft sind sie sehr erfolgreich. Doch es gibt sicher noch einiges, das diese erfolgreichen Verlage dafür tun können, noch erfolgreicher zu werden.

Das bringt uns zur ersten Frage:
Was ist eigentlich gute Buchgestaltung und wovon hängt sie ab?
Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach. Eines aber ist gute Buchgestaltung ganz gewiss nicht: eine Geschmacksfrage!
Bei der Gestaltung eines Buches gibt es feste Grundsätze. Das sind Regeln, an die sich jeder Buchgestalter halten muss. Sie betreffen also Verleger, Designer, Setzer und Selbstpublisher gleichermaßen. Ja, auch Selbstpublisher sollten sich tunlichst daran halten.
Diese Regeln gibt uns nämlich die Natur vor, nicht irgendein Mensch!

Welche Bücher gelten heute als schön und können uns deshalb als Vorbild für die Buchgestaltung dienen? Bitte erschrick nicht, wenn ich jetzt auch auf Bücher hinweise, die bereits einige Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Dennoch gelten sie als unerreicht schön.

– Gutenberg-Bibel (B42) von 1452
– Schedelsche Weltchronik von 1493
– Bücher, die vor der ›digitalen Revolution‹ in angesehenen Verlagen erschienen sind, wie z. B. die „Deutschen Heimatsagen“ von Dr. Harry Trommer, erschienen im Kinderbuchverlag Berlin ab den 1950er Jahren.

Gutenbergbibel (B42)
Quelle: http://druckmuseum.elis-management.com/druck-gutenberg.htm
Weltchronik des Hartmann Schedel (1493) Quelle: https://broy.de/die-schedelsche-weltchronik/
Dr. Harry Trommer: „Deutsche Heimatsagen“ (1957)
Quelle: privat

Wir erkennen, es ist egal, ob der Text in einer oder zwei Kolumnen gesetzt wird, ist im Grunde egal. Wichtig ist vielmehr die Anordnung des Textes auf der Seite. Der für den Text benutzte Teil der Seite wird als Satzspiegel bezeichnet.

Albrecht Dürer sagte: »Geometrie ist die Grundlage aller Malerei.« Ich erweitere diese Aussage: »Geometrie ist die Grundlage jeder Gestaltung!«

Er war in vielen Jahrhunderten eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Kunst. Nur Adepten wurde er offenbart. Heute scheint er wieder ein großes Geheimnis für viele Gestalter geworden zu sein.
Der Goldene Schnitt – er stellt einen Spezialfall der harmonischen Teilung dar. Er begegnet uns überall in der Natur, in uns selbst und sogar in den Weiten des Weltraums.

Die Spirale des Goldenen Schnitts
Die Spirale des Goldenen Schnitts

Am bekanntesten ist die Darstellung der Spirale des Goldenen Schnitts.
Er begegnet uns überall in der Natur. Wir finden ihn in Schneckenhäusern, Blütenständen, Tannenzapfen, Kerngehäusen von Äpfeln usw.

Goldener Schnitt– Beispiel Nautilus-Schnecke
Goldener Schnitt– Beispiel Nautilus-Schnecke

Auch dieses Raster der DIN-A-Reihe erinnert in seiner Struktur an den Goldenen Schnitt.

Schema der DIN-A-Reihe
Schema der DIN-A-Reihe

Sogar der menschliche Körper ist vollständig auf Grundlage des Goldenen Schnitts aufgebaut. Bis hin zur DNS.

Da Vinci – „Der vitruvianische Mensch“
Quelle: https://www.kunstbilder-galerie.de/kunstdrucke/leonardo-da-vinci-bild-900003.html

Was ist der Goldene Schnitt nun genau?
Er ist die Beziehung des Ganzen zu seinen Teilen. Er ist eine Beziehung, die Harmonie ausdrückt und dem Auge schmeichelt. Auch die Große Pyramide von Gizeh und der Athener Parthenon sind im Goldenen Schnitt erschaffen worden.
»Die kleinere Strecke verhält sich zur größeren, wie die größere Strecke zum Ganzen.« Das ist die Grundaussage des Goldenen Schnitts.

Noch einmal:
Dürer sagte: »Geometrie ist die Grundlage aller Malerei.« Ich erweitere diese Aussage: »Geometrie ist die Grundlage jeder Gestaltung.«

Bücher mit Covern, die im Goldenen Schnitt gestaltet sind, werden vielleicht öfter in die Hand genommen, denn sie schmeicheln dem Auge. Womöglich werden sie deshalb auch öfter gekauft als Bücher mit Covern, die „einfach so“ gestaltet sind.

Doch Bücher, deren Seiten nicht im Goldenen Schnitt gesetzt sind, wirken falsch auf den Betrachter und erst recht auf jeden Leser! Sie hindern ihn nämlich daran, so viel zu lesen, wie er lesen könnte. – Und was folgt daraus für uns, die wir ja alle Bücher verkaufen wollen? – Wir sollten den Goldenen Schnitt unbedingt beachten. Wir sollten ihn kennen, selbst wenn wir ihn nicht benutzen können oder wollen. Auch dafür gibt es sehr viele verschiedene Gründe. Aber um eine Regel zu brechen, muss ich diese Regel zuerst kennen, damit ich weiß, dass und warum ich sie breche.

»Im Buchdruck wurde gelegentlich die Nutzfläche einer Seite, der sogenannte Satzspiegel, so positioniert, dass das Verhältnis von Bundsteg zu Kopfsteg zu Außensteg zu Fußsteg sich wie 2 : 3 : 5 : 8 verhielt. Diese Wahl von Fibonacci-Zahlen ist eine Annäherung (Approximation) an den Goldenen Schnitt.
Eine solche Gestaltung wird auch weiterhin (…) zum Buchdruck empfohlen.«
Quelle: Beutelspacher/Petri:
»Der Goldene Schnitt«, Spektrum 1988.
ISBN 3-411-03155-7, Seiten 158-160

Bund-, Kopf-, Außen- und Fußsteg weisen deshalb unterschiedliche Maße auf.
Nach Möglichkeit sollte die Breite beider Bundstege gemeinsam etwas geringer sein als ein Außensteg. Natürlich nur, wenn es der Seitenumfang und die Art der Bindung erlauben. (Ich verweise hier unbedingt auf die beauftragte Druckerei, die am besten Weiß, was geht und was nicht.)

Regel ist: Kopf größer als Innen; Fußsteg am größten, damit der Satzspiegel nicht optisch zu schwer wird und nach unten rutscht.
Man kann den Satzspiegel berechnen oder konstruieren. Dafür gibt es Experten, die sich damit auskennen. Man kann natürlich auch auf überliefertes Wissen zurückgreifen. Danach ist mit der weiter oben genannten Formel eine gute Aufteilung zu erreichen, oder aber mit der folgenden Aufteilung: 2 : 3 : 4 : 5 (oder 6)

Das Dilemma, in dem wir uns befinden

Ich gehe davon aus, dass alle Verleger, Setzer, Gestalter usw. nach bestem Wissen handeln. Sie alle wollen das Beste, können aber nur die Grundsätze berücksichtigen, die sie auch kennen und anwenden können. Nur einmal davon gehört zu haben, genügt nicht.

Weiterhin möchte ich feststellen, dass die verwendete Hard- und Software in der Buchproduktion egal ist. Ein harmonischer Satzspiegel lässt sich mit allen heute verfügbaren technischen Mitteln erzielen.  Es kommt immer nur auf das Wissen und Können des Bedieners an. Es gibt Buchhersteller, die setzen ihre Bücher mit CorelDraw! Ich kenne sogar einen, der alles mit Photoshop setzt. Es ist also tatsächlich völlig egal, womit das Buch gesetzt wird, solange es gut (also harmonisch im Sinne des Goldenen Schnitts) aussieht.

Aus Unkenntnis der grundlegenden gestalterischen Grundsätze bei vielen der an der Buchproduktion beteiligten Menschen kommt es aber heute sehr oft – bei ›großen‹ Verlagen übrigens ebenso oft – zum Auf-den-Kopf-Stellen des gesamten Buchsatzes. Der rechte Rand sieht gerade aus, er bildet eine Linie, die das Auge aber auf der linken Seite, also am Zeilenanfang sucht. Dieser Zeilenanfang aber wirkt in vielen heute publizierten Druckwerken ausgefranst. Er sieht so aus, wie das Zeilenende beim Flattersatz aussehen sollte.

Falscher Textsatz
Falscher Textsatz

Das Geheimnis eines korrekten Textsatzes ist die Verwendung der weichen Zeilenschaltung am Ende jeder Zeile, die vorzeitig endet. »Umsch+Enter«
Das ist ein Gestaltungsmittel, welches der Setzer einsetzt, nicht der Autor.

Korrekter Textsatz
Korrekter Textsatz

Grundlage des Lesens ist das menschliche Auge. Ohne das Auge wäre Lesen nicht möglich.  Beim Lesen leistet das Auge Schwerstarbeit.
Die Buchgestaltung hat das Ziel, dem Auge seine schwere Arbeit so leicht wie möglich zu machen. Aber wie geht das?

Das Auge sucht stets gerade Linien. Das ist physiologisch bedingt. Es braucht am linken Rand (also dort, wo die Zeile beginnt) eine gerade Linie, die möglichst ununterbrochen sein soll. An Ende der Zeile jedoch ist es besser für das Auge, wenn die Zeilenenden unterschiedlich lang sind. Dabei genügen schon kleinste Unterschiede.
Der Blocksatz ist heute wohl das populärste Satzformat, obwohl der Flattersatz in vielen Fällen also eine deutlich bessere Lesbarkeit bietet.

Blocksatz
Blocksatz

Das Satzbild des Blocksatzes wirkt sehr ordentlich und tritt immer verstärkter auf, wo hingegen der besser lesbare Flattersatz immer seltener gesehen wird.
Ein im Blocksatz gedruckter Text ist für das Auge schwerer zu lesen als ein Flattertext,
da es sich manchmal einfach weigert, in die nächste Zeile zu springen. Das passiert beim Blocksatz häufig und vor allem dann, wenn die Zeilen jeweils mehr als etwa 60 Zeichen enthalten. Das Auge ist dann nicht mehr in der Lage, die Zeile als Stützlinie für die Bewegung zum Anfang der nächsten Zeilen zu nutzen.

Beim Flattersatz kann sich das Auge auch bei langen Zeilen zusätzlich am Zeilenende orientieren. Günstiger ist hier der linksbündige Flattersatz, weil das Auge so direkt die Zeile zurückverfolgen kann, die als Nächste gelesen wird. Bei sehr schmalen Zeilen mit weniger als 30 Zeichen hat der Blocksatz einfach den Nachteil, dass man viele Trennungen vornehmen muss, was den Lesefluss ebenfalls stört.

Flattersatz
Flattersatz

„Ob man den Flattersatz oder den Blocksatz bevorzugt, hängt zusätzlich auch von der Art des Textes ab. Bei dialogreichen Romanen oder anderen Texten mit kurzen Absätzen kann man sich ruhig für den Blocksatz entscheiden. Viel problematischer sind Sachbücher und Fachartikel, die häufig extrem lange Absätze aufweisen.

Beim Umbruch sollte darauf geachtet werden, dass Absätze deutlich voneinander getrennt sind. Das kann auf einfache Weise dadurch realisiert werden, dass am Ende des vorhergehenden Absatzes der Durchschuss erhöht wird. Dabei sollte der Durchschuss für Absatzenden deutlich höher sein als der Zeilendurchschuss, aber kleiner sein als der doppelte Zeilendurchschuss.“
Quelle: www.schreiben10.com

Der Zeilendurchschuss wird gemessen vom untersten Punkt der Unterlänge bis zum obersten Punkt der Oberlänge. Er ist verantwortlich für den so genannten Grauwert der Seite.

In diesem Zusammenhang möchte ich unbedingt darauf verweisen, dass der zentrierte Satz in keinem Druckwerk etwas zu suchen hat. Nirgendwo, auch nicht auf dem hinteren Buchdeckel, nicht auf dem Schutzumschlag und auch nicht auf dem Flyer zum Buch. Dieser so genannte Axialsatz dient in erster Linie dem Setzen von Überschriften oder Bildunterschriften!
Für alle Begriffe siehe auch: www.typolexikon.de

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